Badereisen

Details der Lambrisbemalung im Rittersaal von Schloss Weikersheim.

Die adelige Gesellschaft im Barock war – betrachtet man die Verkehrsmittel und den Zustand der Straßen – erstaunlich mobil. Reisen diente vorwiegend der Bildung, der Gesundheit, der Repräsentation. Urlaub im heutigen Sinne als Flucht aus dem Alltag waren diese Reisen weniger. Der wochenlange Besuch an anderen Höfen oder die Beherbergung von Gästen waren Teil der standesgemäßen Hofhaltung.

Eine gewisse Mobilität gehörte zum Weikersheimer Hofleben, da es sich nicht nur auf die Residenz in Weikersheim beschränkte. Im Winter zog der gesamte Hof in das Schloss in Künzelsau, im Sommer lebte man für mehrere Wochen im Lustschlösschen auf dem Carlsberg. Auch Badereisen nach Wiesbaden, Schlangenbad, Bad Schwalbach oder Bad Ems boten eine willkommene Abwechslung.

Wiesbaden besaß eine lange Tradition als Kurort mit klassischen Badekuren. Bad Schwalbach, 20 km von Wiesbaden entfernt, zählte zu den berühmten Modebädern der Zeit. Viele Besucher kamen nicht nur wegen der Gesundheit, sondern wegen der Unterhaltung und Abwechslung. 1738 machte der gesamte Weikersheimer Hof eine Reise nach Bad Schwalbach . Schlangenbad galt unter den Zeitgenossen als ein Luxusbad mit exklusivem Programm, das Gäste von weither anzog, unter anderem auch die Grafen von Hohenlohe. Der Kurort Bad Ems war berühmt wegen seiner „Bubenquelle“; das Wasser stand in dem Ruf, Kinderlosigkeit zu überwinden. Insgesamt sechs Wochen hielt sich das Erbgrafenpaar mit einem Gefolge von 19 Personen 1742 dort auf.

 Historische Ansicht von Wertheim

Im Juni 1738 begann der Weikersheimer Hof seine Reise nach Bad Schwalbach. Mit dem Schiffermeister Johann Georg Müller zu Wertheim war ein Vertrag geschlossen worden: Das herrschaftliche Schiff müsste „mit einer Gallerie“, alle Schiffe „mit genügend Tischen und Bäncken“ versehen sein; zu transportieren seien „gnädigste Herrschaften mit dero bey habenden Leuthen, Bagage, Meubles“. Auf dem herrschaftlichen Schiff reiste die gräfliche Familie, die Hoffräulein sowie sechs Kammerjungfern; ein weiteres Schiff war vorgesehen für die „Cavalliers“, fünf Kammerdiener, den Küchenmeister, zwei Pagen, ein Büchsenspanner, drei Jagd-Lakaien, vier Lakaien, zwei Waldhornisten, zwei Husaren, zwei Kutscher, zwei Vorreiter sowie ein Teil des Gepäcks. Ein Küchenschiff transportierte die „Küchenleuthe“ (einen Mundkoch, einen Beikoch, einen Küchenjungen, eine Küchenmagd, zwei Waschmägde, eine Untermagd) und den Rest des Gepäcks.

Historische Ansicht von Ellfeld

Erbgraf Albrecht Ludwig Friedrich und seine Frau Gräfin Christiane Louise reisten 1742 für sechs Wochen nach Bad Ems. Die von einem Sekretär verfasste, offizielle „Relation über die Emser-Bad-Reiße“ schildert Tag für Tag den Reiseweg, einzelne Begebenheiten, Sehenswürdigkeiten und gesellschaftliche Anlässe. Die Reise ging mit dem Schiff ab Wertheim auf dem Main, dann auf dem Rhein, schließlich auf der Lahn bis Bad Ems.

Auszüge aus der „Relation über die Emser-Bad-Reiße“

Auszüge aus der „Relation über die Emser-Bad-Reiße“

Historische Ansicht von Rudesheim

12. Juni
Die übrige Bagage [Gepäck] wurde ins Schiff gebracht und alles zur baldigen Abfahrt veranstaltet, die endlich Abends gegen 8 Uhr erfolgte, und unter Lößung 12 Stücken [12 Salutschüsse] und auch einer schönen Music die Schiffe wircklich von Land abgestoßen wurden.

14. Juni
Um 11 Uhr fuhr man von Franckfurth ab, legte um 4 Uhr zu Rüsselsheim an, weil aber ein starckes Donner Wetter vorfiel, und ein sehr hefftiger Sturmwind sich erhob, so muste man anländen, biß der größte Sturm vorbey war.

15. Juni
Die gnädigste Herrschafft langten früh um 6 Uhr zu Maynz an. Ihro Hochgräfliche Gnaden ließen zwey Kutschen kommen, besahen die Stadt, die große Rhein Straßen, etliche Klöster, und die Kurfürstliche Favorite.

18. Juni
Die gnädigsten Herrschafften fuhren unter Lößung 12 Stücke und Trompeten Schall von Niederlahnstein ab. Weil aber die Schleußen bey Lück noch gesperrt waren, so muste die völlige Bagage in andere Schiffe übergepacket werden und sie kamen um 1 Uhr unter völligem Music nach Ems.

Historische Ansicht von Braubach-Marxburg

21. - 23. Juni
Die Fürstin von Ostfrießland, wie auch die Fürstin von Norden, kamen und gratulierten Ihro Durchlaucht zur glücklichen Aderlass. [Am Tag darauf:] Ihro Durchlaucht fingen die Brunnen Cur an. [Am Tag darauf:] Ihro Durchlaucht bedienten sich zum ersten Mahl des Bads. [...] Ihro Hochgräfliche Gnaden aber gingen früh auf die Jagd und kamen erst um 1 Uhr wieder nach Hause.

24. Juni
Die hohen Herrschafften besuchten um 3 Uhr den Gottesdienst, legten so dann bey dem Fürst von Ostfrießland die Gegenvisite ab und verfügten sich hierauf in die Assemblé. Sie soupierten [aßen] Abends im Zimmer und Seine Hochgräfliche Gnaden divertirten [vergnügten] sich in Gesellschaft etlicher Cavaliere mit der Musik auf den Lahn Fluß.

 Historische Ansicht von Boppart stromaufwärts

3. Juli
Der Fürst von Ostfrießland [...] praesentirte Ihro Durchlaucht ein schönes Bouquet und declarirte sie zu seiner Bal Königin. Um halb 1 Uhr ginge man an die Tafel und um 3 Uhr eröffneten der Fürst mit Ihro Durchlaucht den Bal, welcher bis 6 Uhr dauerte. Nach diesem wurde noch eine Lotterie von Porcellain gezogen. Ihro Durchlaucht und Seine Hochgräfliche Gnaden waren dabey glücklich, daß sie verschiedene gute Lose erhielten.

8. Juli
Seine Hochgräfliche Gnaden gaben heute wegen des vorgefallenen Gebuhrts Tag ein herrliches Nachtmahl und Bal [...]. Die Gäste kamen um 6 Uhr masquiert zusammen, spielten etliche Stunden und um halb 8 Uhr wurde Paar und Paar Zettel gezogen, und die große Tafel für 36 Persohnen serviret. Nach der Tafel [...] ließe man alles zum Tantzen veranstalten, und die Music herbey kommen.

 Historische Ansicht von Marienburg-Boppart

Rückfahrt

 Historische Ansicht von Marienburg-Boppart

23. Juli
Seine Hochgräfliche Gnaden schickten früh um 5 Uhr zwey Schiffe mit Bagage von hier nach Niederlahnstein vorauß. Nachdem aber von denen noch anwesenden fürstlichen Persohnen und anderen Cur-Gästen Abschied genommen waren, embarquirten sich [schifften sich ein] hohe Herrschafften. 23./24. Juli
So blieben doch wieder vermuthen die Pferde, die das Schiff ziehen sollten, bis 9 Uhr Abends außen, und man muste also bey Oberlahnstein für heute Ancker werffen.

24. Juli
Bey Passirung der Festung Rheinfels [bei St. Goar] lößte man 12 und zu Caub abermahlen 6 Stück. Bey letztern Orth und zwar ohnweit der Pfaltz Burg einen alten Schloß, welches mitten im Rhein lieget, und das Stamm Hauß aller heutigen Pfaltz Grafen ist, ward Ancker geworfen.

Historische Ansicht Oberlahnstein

27. Juli
[... in Franckfurth] liesen Seine Hochgräfliche Gnaden eine Kutsche bestellen und fuhren damit in Gesellschafft Ihro Durchlaucht der Fürstin [...] durch verschiedene Quartiere der Stadt, in des Herrn Stöckle Laden, der mit den aller kostbahrsten Pieces [Stücken] von Dreßdener, Wiener, und Ost indianische Porcellain angefüllet ist.

31. Juli
Gnädigste Herrschafft trafen Nachmittags um 3 Uhr wohl glücklich in Wertheim ein. So gleich wurde der Anfang zum Ausschiffen gemacht und die Bagage auf die Wägen gebracht, welche auch samt verschiedenen Bedienten Abends um 9 Uhr noch von dar abgingen.

1. August
Die Herrschafften langten um 12 Uhr glücklich in Weickersheim an, wo die gantze Bürgerschafft unter klingenden Spiel und klingenden Fahnen paradirten. Herr Hofmeister von Schleunitz [...], die sämbtliche Herrn Räth, die Geistlichen und etliche Persohnen aus dem Stadt-Rath empfingen hohe Herrschafften in dem innern Schloß Hof.

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Technische Beratung, Gestaltung, Konzept und Umsetzung: Ralf Gatzki und Friederike Rook